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„Geld kommt oft nicht dort an, wo es hingehört“

Martina Pointner im Interview über Förderpolitik und Zukunftsperspektiven in der Vorarlberger Landwirtschaft.

Frau Pointner, was sind aus ihrer Sicht die größten Problembereich in der heimischen Landwirtschaft?

Es wird insgesamt viel Geld in die Hand genommen, um die Landwirtschaft zu fördern – vom der EU, vom Bund und vor allem auch vom Land. Fakt ist aber, dass das Geld nicht unbedingt dort ankommt, wo es hingehört. Außerdem sind Förderungen leider auch ein probates Mittel, um Druck auf die Bauern auszuüben.

Wie meinen Sie das konkret?

Aufmucken kommt nicht gut an in der heimischen Landwirtschaft. Wer Geld will, muss sich ruhig verhalten. Dabei muss man wissen, dass die Landwirtschaftskammer einen guten Teil der Förderungen berechnet und verteilt – ein Umstand, der längst geändert gehört!

Wo fliest das Geld denn nun hin?

In diesem System gibt es einige wenige Gewinner, aber ganz viele Verlierer. Während viele Landwirte laut Grünem Bericht am Existenzminimum leben müssen – wie sprechen hier von einem Einkommen zwischen 10.000 und 18.000 Euro im Jahr – erhalten einige wenige hohe Summen. Außerdem wird viel öffentliches Geld für die Agrarverwaltung ausgegeben: Für die Landwirtschaftskammer, für die Agrarbezirksbehörde (ABB), für die Abteilung Landwirtschaft des Landes. Allein das Kammerpersonal kostet jeden landwirtschaftlichen Betrieb im Land de facto jährlich rund 1000,- Euro.

Wie das?

Rund 3.500 Betrieben, die es im Land in etwa noch gibt, stehen Kammer-Personalkosten von jährlich mehr als 3,5 Millionen Euro gegenüber. Hinzu kommen die Verwaltungskosten bei der ABB und der Abteilung Landwirtschaft. Alles Geld, das letztlich am Feld, im Stall und für die Vermarktung fehlt.

Wo sehen Sie inhaltlich die größten Probleme?

Unsere Bauern wurden über Jahrzehnte von der Förderpolitik getrieben und in die Abhängigkeit gebracht. Der reine Fokus auf die Milchwirtschaft ist höchst problematisch. Hier wird auf Menge gesetzt, Hochleistungskühe, teures Kraftfutter und große Investitionen in Infrastruktur und Technik sind die Folge. Damit ist oft eine hohe Verschuldung der bäuerlichen Betriebe verbunden. Spätestens seit der Freigabe der Milchpreise droht sich diese Einseitigkeit zu rächen. Unsere Landwirte haben keine Chance, mit den Weltmarkt-Milchpreisen mitzuhalten, aber sie hätten gute Chancen mit hochwertigen Produkten attraktive Nischen zu besetzen. Genau hier muss in der Förderung angesetzt werden. Aber leider fehlt der Agrarpolitik und den bäuerlichen Interessensvertretern dafür offenbar Weitblick, Innovationskraft und Verständnis.

Was schlagen Sie vor?

Nach dem Motto „weniger ist mehr“ sollten wir uns darauf konzentrieren, mit öffentlichem Geld nicht Masse, sondern Vielfalt und Qualität – vom Anfang bis zum Ende des Produktionsprozesses – zu fördern. Das ist gut für die Umwelt, die Menschen, aber auch für die Tiere, deren Wohlergehen uns nicht gleichgültig sein darf. Die Diskussion um rumänisches Geflügel und andere fragwürdige Import-Produkte in der Zentralküche der Landeskrankenhäuser hat gezeigt, wie weit wir „da oben“ in der Praxis von „regional und fair“, wie es die Landwirtschaftsstrategie unserer Regierung verkündet, entfernt sind. Dabei würden alle davon profitieren, wenn die durchaus guten Ansätze von ‚Ökoland Vorarlberg’ tatsächlich gelebt werden. Das denken auch zahlreiche Bauern im Land. Viele haben ja auch gute Ideen und Vorsätze, brauchen aber Unterstützung in punkto Produktentwicklung, Marketing und Vertrieb. Hier sollten wir dringend ansetzen!